Der Lerche rot gemaltes Lied

Dieser Text entstand aus einer simplen Hausaufgabe im Regie-
unterricht: 'Die Vorhalle des Städel - Erfinden Sie eine Handlung,
die dort spielt'.
Ich erinnerte mich an einen Besuch im Spätherbst - ich betrat die Vorhalle, als dort gerade einer der Postkartenständer umgefallen war und seinen Inhalt über den Fußboden entleert hatte... Eine einsame Museumsangestellte war dabei, Ordnung zu schaffen.
Ihre Geschichte bis zu diesem denkwürdigen Vorfall wollte ich erzählen...

Handlung

Die Museumswärterin Katharina Gerlinde Streifft sitzt an einem regnerischen Novembermorgen in ihrer Vorhalle, wartet auf Besucher und führt Selbstgespräche. Wie es sich für die Person eines dramatischen Textes gehört, ist ihr Leben gehörig gegen die Wand gefahren: Ihre Karriere als Malerin hat sie aufgegeben, sie arbeitet sein geraumer Zeit an ihrer Dissertation in Kunstgeschichte, wohl wissend, dass sie sie nie beenden wird, ihr Freund hat sie endgültig verlassen, wegen einer Tänzerin ...

Eigentlich hatte sie es sich aber in ihrer Misere ganz gemütlich einge-
richtet - doch sie erfährt, dass sie todkrank ist, ihr nur noch wenige Monate zum Leben bleiben - was auch immer das sein mag: Leben!

Personen

Katharina Gerlinde Streifft
eine Frau von schwer bestimmbarem Alter

Eckdaten

eine Dekoraten, ein Kostüm, Spieldauer ca. 90 Minuten ohne Pause

Leseprobe

Eine einzelne Lerche singt.

Ich habe dem Gesang der Lerchen gelauscht, draußen, auf der Wiese.

Sie singen, um von ihrem Nest abzulenken, um ihre Kinder zu
schützen. Wußtest du das? Sie singen schön.

Und dann kamen die Lerchen, ein ganzer Schwarm.

Der Lerchengesang vervielfacht sich, bleibt aber im Hintergrund.

Sie kamen zu mir, ein Schwarm kleiner, bunter Vögel. Sie hoben mich hoch mit vielen kleinen Schnäbeln, ganz vorsichtig. Und dabei sangen sie die ganze Zeit. Dann haben sie mich mitgenommen, durch das Fenster. Draußen wurde Schwarm immer größer, und wir stiegen immer höher. Um mich herum war nur Flügelschlagen und Lerchengesang, die schönste Melodie der Welt.

Und dann trugen sie mich zum Horizont, dort, wo sich Meer und Himmel treffen. Gemeinsam überschritten wir diese Schranke.

Und dann setzten sie mich auf einer großen, blauen Wiese in ganz weiches Gras ab, mit lauter Gänseblümchen darin.

Und vierblättrigem, rotem Klee.

Die schwarze Sonne war auf mir wie ein warmes, weiches Seidentuch.

Und dann flogen fast alle Lerchen davon.

Nur eine einzige blieb, schwebte ganz hoch über mir und sang und
beschützte mich.

Und dann war ich...

...glücklich?

Der Lerchengesang ist stärker geworden. Von einem sanften Wind wurden die Postkarten leicht aufgewirbelt, jetzt wird dieser Wind stärker, und eine Wolke von flatternden Postkarten umweht die lächelnde Katharina Gerlinde Streifft, bis sie gänzlich darin eingehüllt ist. Der Lerchengesang wird ganz laut.

Am Höhepunkt ein rascher Black. Der Lärm verstummt.

In der Stille singt eine einzige Lerche ihr grünes Lied.